Musikschule im Gespräch

16.07.2014

Aus Anlass des doppelten Jubiläums „60 Jahre Musikschule der Landeshauptstadt Saarbrücken /60 Jahre Musikschulen im Saarland" wurde die Talkrunde „Musikschule im Gespräch" 2014 vom Verband deutscher Musikschulen (VdM) veranstaltet. In seinem Impulsreferat ging Prof. Dr. Oliver Scheytt der Frage nach,  ob und wie öffentliche Musikschulen einen Bildungsauftrag erfüllen. 

"Musikschule - das hat was!"

Was öffentliche Musikschulen als Bildungseinrichtungen leisten

Nehmen öffentliche Musikschulen einen Bildungsauftrag wahr, oder unterstützen sie nur ein Hobby? „Das ist ein Thema, das uns schon sehr lange beschäftigt“, sagte Dieter Boden, der „Musikschule im Gespräch“ als Landesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) Saar eröffnete.

Für Gastredner Prof. Dr. jur. Oliver Scheytt steht zunächst einmal fest: „Musikschule – das hat was!“ Diese Formulierung, so Scheytt, wähle man oft dann, wenn man nicht so genau sagen könne, warum man etwas gut finde beziehungsweise sich der Tatsache bewusst sei, dass die Summe der Merkmale eines Gegenstandes weit mehr sind als die einzelnen Elemente für sich betrachtet. So seien auch die Musikschulen nicht etwa nur „Freizeiteinrichtungen“ oder „Schulen“, an denen Musik unterrichtet wird. Musik, so Oliver Scheytt, entziehe sich solchen Verkürzungen, „denn sie ist eine stark subjektive Dimension“. „Jeder empfindet Musik anders, bei jedem Menschen hat sie eine ganz eigene Wirkung.“

Musik wirkt auf vielfache Weise

Wenn Politiker über die Förderung von Musikschulen redeten, gehe es ihnen am Ende meist darum, welche Wirkung sich durch Musik erzielen lässt. Scheytt hob hier fünf Aspekte hervor: die gesellschaftliche Wirkung der Musik sowie ihre Wirkung im Hinblick auf Globalisierung, Medialisierung, Pluralismus, Individualismus und Ökonomisierung. 

„Die Wirkung im Hinblick auf die Globalisierung folgt der Logik der Gleichförmigkeit. Denn Musik ist global, stiftet zugleich aber auch Zugehörigkeit und Heimat“, so Scheytt. Im Hinblick auf die Medialisierung der Gesellschaft könne Musik „ein Gegengewicht zur medialen Fremdbestimmung“ darstellen. Pluralismus fördere die Musik, indem sie Religionen und Kulturen verbinde, Individualisierung bedeute in der Musik einerseits Selbstverwirklichung, andererseits aber auch Gemeinsinn – etwa durch das gemeinsame Musizieren in Ensembles. Mit Blick auf die Ökonomisierung stellte Oliver Scheytt fest: „Heute unterliegt alles der Zweckrationalität, der Messbarkeit des Nutzens. Natürlich lässt sich auch mit Musik Geld verdienen. Uns jedoch geht es um die seelische Wirkung, und diese entzieht sich jeder ökonomischen Erfassung.“

Wenn wir Musikschulen fördern, fördern wir den Einzelnen als Persönlichkeit.“

Das Besondere an der Musik sei gerade dies: dass sie keinen ökonomisch verwertbaren „Zweck“ erfülle.
Für Oliver Scheytt steht fest: „Wenn wir Musikschulen fördern, fördern wir etwas sehr Individuelles, fördern wir den Einzelnen als Persönlichkeit.“ Er appelierte an die Bildungspolitiker, „Spielräume zu geben für Eigensinn“ und „der Subjektivität Bahn zu brechen.“

Dabei gelte es jedoch auch, Strukturen zu schaffen, die die Existenz öffentlicher Musikschulen auch in Zeiten von Sparverordnungen für Kommunen sichern. In anderen Ländern wie Österreich gebe es gesetzliche Bestimmungen, die die Förderung von Musikschulen regeln, in Deutschland gebe es solche Regelungen in vielen Bundesländern auf Landesebene. Im Saarland hingegen fallen die Musikschulen noch immer unter die „freiwilligen Leistungen“. „Es ist wichtig, dass Musikschulen als öffentliche Aufgabe anerkannt werden“, betonte Oliver Scheytt. „Denn sie sind die zentralen Einrichtungen, die Musik für allen Schichten und Generationen zugänglich machen und ihren Bildungsauftrag auf einem sehr hohen Qualitätsniveau erfüllen.“    

Diskussionsrunde: Stimmen aus dem Publikum

In der von VdM-Bundesgeschäftsführer Matthias Pannes moderierten Diskussionsrunde hatte das Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen und Position zu beziehen.  

Günther Woll, Landeselternsprecher VdM Saar:

„In Deutschland sind öffentliche Musikschulen auf kommunaler Ebene angesiedelt. Eine Absicherung der Musikschulen durch eine landes- oder bundespolitische Regelung wäre wünschenswert, um ihrem wichtigen Bildungsauftrag gerecht zu werden.“

Elisabeth Potyka, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Stadtratsfraktion:

„Die Musikschule der Landeshauptstadt Saarbrücken erfüllt ihren Bildungsauftrag vorbildlich, insbesondere auch, weil sie unter dem Motto ‚Jedem Kind ein Instrument’ Musik in die Schulen bringt. Das ist eine tolle Sache!“

Thomas Kitzig, Leiter der Musikschule der Landeshauptstadt Saarbrücken:

„Es ist wichtig, als Musikschule ein Leitbild zu haben. Unser Leitbild lautet: ‚Jedes Kind / jeder Bürger dieser Stadt soll die Möglichkeit haben, Musikunterricht zu bekommen’. Das klingt einfach, stellt uns aber vor große Herausforderungen. Denn wir müssen Strategien entwickeln und Strukturen schaffen, um diesem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen.“

Fotos: Jean M. Laffitau

Text: Alexandra Raetzer